Auf meine heutigen Gäste bin ich schon sehr gespannt! Ich erwarte eine sehr bunte Truppe und eigentlich auch eine Unterhaltung, die zum Schmunzeln einladen kann. Zumindest waren das meine Eindrücke aus dem Hörbuch!
Ich steige aus meinem Portal und schaue mich um. Ich befinde mich auf einer Lichtung mit ein paar Baumstämmen, die zum gemütlichen Sitzen einladen. Da im Hintergrund entdecke ich ein altes Herrenhaus – was sich dort wohl verstecken mag? Aber bevor ich die Chance habe, mich überhaupt in die Richtung aufzumachen, erschrecke ich mich zu Tode. Vor mir steht ein Skelett! Und sitzt da eine Fledermaus auf seiner Schulter? Ich schüttel kurz den Kopf und drehe mich den Baumstämmen um – da sitzt jetzt eine Hexe und daneben schwebt ein Geist … ein bunter Geist. Okay, meine Gesprächsrunde scheint vollständig zu sein … aber sie hätten sich ruhig nicht so anschleichen müssen^^
Ich: Hallo in die Runde! Auch wenn ich wusste, dass ihr kommt, hab ich mich eventuell etwas erschreckt, als ihr gerade aufgetaucht seid. Vielleicht mögt ihr euch kurz vorstellen.
Als das Skelett gerade zu einer Begrüßung ansetzen will, klatscht der Geist in die Hände, was der Hexe ein genervtes Seufzen und der Fledermaus ein Fingerschnippen entlockt.
»Nicht alle auf einmal!«, entgegnet das Skelett, deutet in Richtung der Hexe und fügt hinzu: »Du machst den Anfang.«
»Warum genau sollte ich das tun? Was machen wir hier überhaupt?« Die Hexe blickt von einem zum anderen.
»Helena! Wir hatten das doch besprochen. Nur fünf Minuten, dann ziehen wir weiter«, seufzt das Skelett und wendet sich mir zu. »Es ist gerade etwas schwierig.«
»Schwierig?« Helena murrt nicht gerade begeistert.
»Hi! Ich bin Flavia! Ich freu mich, dich kennenzulernen!« Die Fledermaus fliegt von der Schulter des Skelettes und kommt auf mich zu.
»Ich bin Rüdiger, der Anführer der Skelette. Und das hier«, er deutet auf den Geist, »ist Gustav. Der Älteste der Geister. Wäre er jünger hätte er bestimmt eine knallige Farbe. So müssen wir mit seinem Grauton und dem grauen Haar Vorlieb nehmen«, Rüdiger zwinkert.
Gustav grunzt, macht aber keine weiteren Anstalten zu widersprechen oder etwas hinzuzufügen. Stattdessen bläst er sich das graue Haar aus der Stirn.
Ich: Freut mich, dass ihr alle hier seid! Ich hab ein paar Fragen mitgebracht und hoffe, dass ich nicht zu neugierig wirke. Als erstes möchte ich mehr über euch wissen – was macht euch als Wesen aus? Gibt es Besonderheiten oder bestimmte Fähigkeiten, die euch auszeichnen?
»Als ob ich ausgerechnet dir verraten werde, wofür das Hexenvolk bekannt ist. Warum genau sollten wir uns von den Menschen verabschieden, wenn ich jetzt einfach so einer wildfremden Person unsere Geheimnisse verrate!« Helena verschränkt die Arme vor der Brust.
»Kommen wir zurück zum Thema.« Rüdiger klatscht in die Hände.
»Keine Ahnung, was meine Fähigkeit ist. Mir wurde nachgesagt, ich sei clever. Und fliegen kann ich auch.« Flavia dreht sich auf den Rücken und fliegt eine weitere Runde um die Anwesenden.
»Das ist doch nicht so wichtig«, Gustav sieht von einem zum anderen. »Wie viele Hexen braucht man um ein Feuer anzuzünden?« Erwartungsvoll blickt er in die Runde, aber niemand möchte seine Frage beantworten.
»Weißt du, wir hatten bisher nie die Gelegenheit uns zu fragen, was wir können oder nicht«, Rüdiger hält inne, nimmt seine Schildmütze ab und hält sich an ihr fest, so als gäbe sie ihm Stabilität.
»Vielleicht sollten wir mal daran arbeiten. Schließlich brauchen wir ein neues Zuhause.« Helenas Protest kommt nicht etwa laut, sondern klingt beinahe wie ein Flüstern, das nur von Skelett und Fledermaus vernommen werden kann.
Ich: Dann hoffe ich sehr, dass ihr alle eure Besonderheiten noch finden könnt. Manchmal braucht das auch einfach ein bisschen Zeit. Ich habe gehört, dass ihr euch auf einer Reise befindet. Was ist euer Ziel?
»Ziel?« Gustav blickt verwirrt umher.
»Die Welt entdecken!« Flavia breitet ihre Arme aus, so als wolle sie alles um sich herum umarmen. »Und Freundschaften schließen«, fügt sie leise hinzu.
»Einen Ort zu finden, an dem wir bleiben können«, erklärt Rüdiger.
»Ja, weil wir doch angeblich den Friedhof zerstört haben. Dabei hätten wir ihn schon wieder aufgebaut. Ganz bestimmt.« Gustav stemmt die Hände in die Hüften, lässt sie aber sofort wieder sinken.
Rüdiger lacht freudlos und blickt erwartungsvoll zu ihrer Gesprächspartnerin.
Helena lässt die Hände sinken und atmet durch, offenbar froh darüber das diesmal keine Antwort von ihr verlangt wird.
Ich: Wie viele seid ihr eigentlich? Es klingt jetzt nicht so, als würde das nur euch 4 betreffen…
Rüdiger blickt verunsichert zu den anderen. »Wir haben nie daran gedacht, unsere Völker zu zählen. Vielleicht haben wir auf dem Weg jemanden verloren.«
»Ach, Quatsch!«, entgegnen Flavia und Helena beinahe gleichzeitig.
»Wir sind immer so um die 250 Fledermäuse. Wenn welche von uns alleine weiterziehen wollen, sollen sie das eben tun.«
»Die meisten von uns sitzen noch«, Helena hält für einen Moment inne, sucht offenbar ein anderes Wort, findet keines und fügt hinzu: »bei den Menschen.«
»Vielleicht hätte ich nochmal an die Urnen klopfen sollen, bevor wir aufgebrochen sind. Aber ich glaube nicht, dass jemand fehlt.« Gustav blickt unschuldig in Richtung Himmel.
Ich: 250 Fledermäuse klingt nach sehr viel! Zeit für eine kleine Schnellfragerunde. Euer Lieblingsessen?
»Etwas, das man über dem Feuer zubereiten kann.« Diesmal ist es Helena, die als Erste eine Antwort parat hat.
»Ich weiß nicht. Über Essen habe ich noch nicht so nachgedacht.« Rüdigers Blick geht in die Ferne, so als falle ihm gerade etwas ein. Die anderen blicken erwartungsvoll zu ihm, aber er scheint seine Erinnerung nicht mit ihnen teilen zu wollen und mustert den Boden so intensiv, als gäbe es nichts Spannenderes zu sehen.
»Alles, was sich mit den Fingern essen lässt.«
»Das, was wir eben so finden, wenn wir unsere Runden drehen«, überlegt Flavia.
Ich: Schlafen mit einem Dach über dem Kopf oder unter freiem Himmel?
»Freien Himmel!« Flavia und Gustav geben sich ein bestätigendes High-Five ohne zu wissen, dass sie dieses Ritual nicht lange verbinden wird.
»Kommt darauf an.« Helena hat einen Ast entdeckt, der vor ihr auf dem Boden liegt, hebt ihn auf und dreht ihn in der Hand.
»Worauf denn?«, fragt Rüdiger.
»Na, wenn es regnet bevorzuge ich ein Dach über dem Kopf. Wenn wir gerade der Heiligen Walburga gedacht haben und bei einem schönen Feuer draußen rumhängen, habe ich auch nichts gegen ein Nickerchen unter freiem Himmel.«
Ich: Sommer oder Winter?
»Ist doch egal. Wir leben in der Dunkelheit.« Gustav legt sich ins Gras und starrt in den Himmel.
»Mein Favorit ist ja der Herbst«, erklärt Helena.
»Ich weiß nicht.« Rüdiger wirkt etwas zerstreut. Die Schildmütze wirft er nun von einer Hand in die andere.
»Du hast doch alle Jahreszeiten am Friedhof erlebt. Wo ist dein Problem, dich zu entscheiden?« Auch wenn Helenas Frage hart klingt, blickt sie ihn offen an.
»Es gibt so viel zu beachten. Im Herbst.« Rüdiger blickt sich nach allen Seiten hin um. »Habt ihr das Quietschen auch gehört?«
»Ähm, nein?!«, antwortet Helena irritiert.
Flavia schüttelt den Kopf und Gustav scheint die Frage gar nicht mitbekommen zu haben. Er hält seine Hand in die Höhe, die aus einem Fäustling besteht, will aber nichts zur Unterhaltung beitragen.
»Auf keinen Fall Sommer«, murmelt das Skelett mehr zu sich selbst, beginnt für einen Moment zu zittern, hält dann inne und ruft: »Frühling.« Rüdiger setzt sich die Schildmütze so auf, dass das Schild nach vorne steht.
Ich: Eine letzte Frage hätte ich noch. Wenn ihr die Autorin eures Buches treffen könntet – was würdet ihr ihr sagen wollen?
»Ich frage mich warum sie den Friedhof nicht einfach wieder aufgebaut hat. Früher war doch alles besser.«
Alle blicken Gustav schockiert an.
»SCHERZ!«, brüllt er, springt in die Höhe und fliegt gackernd davon.
»Ich will nur wissen wie es in unserer neuen Heimat werden wird«, überlegt Rüdiger. »Und ob ich es schaffe, sie rechtzeitig zu finden«, fügt er flüsternd hinzu. Unsicherheit stiehlt sich auf sein Gesicht, so als ob er eine Ahnung davon hat, was sie erwartet, falls er es nicht schaffen sollte.
»Dass sie mir ja genug Fledermäuse schicken soll, damit unser Schwarm immer groß genug bleibt!« Flavia streckt eine erhobene Kralle in den Himmel.
»Was sollte ich ihr schon sagen? Wer sagt denn überhaupt, dass mich eine Autorin erfunden hat? Vielleicht gibt es mich ja wirklich«, lächelt Helena geheimnisvoll.
Ich: Also wenn es die Autorin wirklich geben sollte, werde ich ihr eure Sachen ausrichten. Ich danke euch ganz herzlich für eure Zeit. Und drücke fest die Daumen, dass eure Reise zum richtigen Ziel führen wird!
Flavia, Helena und Rüdiger stehen auf. Helena und Flavia winken zum Abschied und gehen in die Richtung, in die Gustav verschwunden ist.
Rüdiger bleibt noch einen Moment stehen. »Kann ich diese Gruppe wirklich anführen? Oder ist es nicht sinnvoller, wenn wir alleine weiterziehen? Jedes Volk für sich?«, spricht er mehr zu sich selbst, schaut sich ein letztes Mal um und geht der Gruppe grübelnd hinterher.
Wir verabschieden uns und genauso plötzlich, wie sie aufgetaucht sind, sind sie alle auch wieder verschwunden. Was für eine skurrile Truppe! Ich hoffe wirklich, dass sie alle ein neues Zuhause finden! Und ihre Differenzen… Streitereien … sie nicht davon abhalten werden. Ich befürchte da ein paar Irrungen und Wirrungen.
Aber jetzt ist es auch Zeit für mich, wieder nach Hause zu gehen.
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Lichtung & Herrenhaus © pixabay




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