Sonntag, 2. Juni 2019

Warum es mir so schwer fällt, für "Gebrochene Flügel" (Jennifer Heck) eine Rezension zu schreiben




Autorin: Jennifer Heck
Titel: Gebrochene Flügel. Zwischen Fliegen und Fallen
Reihe: -
Genre: Gayromance
Verlag: Traumtänzer
Erscheinungsdatum: 01.04.2018
Seiten (Print): 432
Preis: Print 13.95€; Ebook 4.99€









Warum ich mich so schwer mit dieser Rezension tue? Die Antwort ist gar nicht so einfach ... das Buch war weder ein totaler Flop noch ein perfektes Highlight, mir fehlen auch nicht die Worte. Es ist wohl eher so, dass ich zu viele Worte in meinem Kopf habe, die ich alle gerne aufschreiben würde und das es so viel zu sagen gibt, was gar nicht in eine Rezension passen würde.
Deswegen schreibe ich hier einfach mal auf, was mich während des Lesens beschäftigt hat ... vielleicht kann ich das Ganze so auf den Punkt bringen.


Erstmal flink der Klappentext für euch, damit ihr euch ein Bild von dem Buch machen könnt:
London im Jahr 2089: Der rebellische Robby verliebt sich Hals über Kopf in den schüchternen Jonathan. Doch ihr Glück wird von einer schrecklichen Nachricht bedroht: Ein Forschungszentrum behauptet, eine Methode gefunden zu haben, wie Homosexualität durch einen operativen Eingriff „geheilt“ werden kann. Von manchen Kreisen als Fortschritt für die Gesellschaft gefeiert, bedeutet diese Entwicklung für Robby eine Katastrophe. Denn Jonathans dominante Mutter, die gegen die Beziehung der beiden ist, drängt ihn vehement, die umstrittene Operation durchführen zu lassen. Robby setzt alles daran, Jonathan vor dem Einfluss seiner Mutter zu schützen. [Cover-/Textquelle: Traumtänzer]

Allein über das beschriebene Szenario könnte ich schon unendlich viele Worte verlieren - aber die meisten davon wären wohl eher keine positiven. Homosexualität wird als Krankheit betrachtet ... wenn ich ehrlich bin, ist das eine grausige Vorstellung und jedes Mal, wenn die Befürwörter dessen etwas gesagt haben, haben sich mir die Haare aufgestellt. Mal ein Beispiel:

"Die menschlichen Fehlmechanismen sind für uns kein Hindernis mehr. […] Noch wehren sich viele dagegen. Doch der Mensch reagiert schnell mit Ablehnung gegen das, was er nicht versteht. Homosexualität ist nichts weiter als eine Fehlfunktion des Körpers, das ist mittlerweile ein wissenschaftlicher Fakt. […] Wir bieten euch nun eine Heilung an. Bereits mit einem kleinen Eingriff am Gehirn können wir den Defekt in euren Körpern beheben. Ihr könnt als normale Menschen leben und lieben." (Gebrochene Flügel, S. 127)

Eine wirklich gruselige Vorstellung und mehr als einmal habe ich mir gedacht, wie froh ich doch bin, dass dies nur eine Geschichte ist und nicht der Realität entspricht. Andererseits wiederum musste auch die Realität lange kämpfen, um so weit zu sein, wie sie heute ist ... und von der Sicht aus finde ich die Thematik des Buches auch wieder gut, um zu zeigen, wohin es führen könnte, wenn alles anderes gelaufen wäre. Man sollte aber auch bedenken, dass das Buch in der Zukunft spielt - und auch in der Handlung wurde 'früher' Homosexualität als etwas Normales anerkannt. Schon alleine diese Tatsache hat mich doch immer wieder zum Nachdenken gebracht ... für das Lesen des Buches habe ich doch eine Weile gebracht, eben weil ich bei vielen Aussagen mir meine eigenen Gedanken gemacht habe und teilweise sogar mit mir selbst diskutiert habe.

Aber zurück zum Buch. Die Geschichte dreht sich natürlich vorrangig um das Schicksal der beiden Protagonisten. Während Robby in einfachen, armen Verhältnissen lebt, selten zur Schule geht, nicht weiß was er später machen möchte und offen mit seiner Homosexualität umgeht; ist Jonathan beinahe das komplette Gegenteil - reiche Eltern, anerkannte Schule, perfekte Sohn und homosexuell - irgendwie jedenfalls, denn das Buch zeigt seinen Weg, wie er mit dem ganzen klar kommt oder eben auch nicht. Trotz der Tatsache, dass das Buch komplett aus der Sicht von Robby erzählt wird, erlebt man die komplette Geschichte von Jonathan hautnah mit. Die Autorin schreibt so viele Emotionen da rein, dass ich manchmal gar nicht wusste, wohin damit. Die Gefühlslage der Protagonisten kommt einfach richtig gut rüber.

Ich muss gestehen, dass ich beim Lesen des Klappentextes keine großen Erwartungen an das Buch hatte - in meinem Kopf sah ich die Geschichte schon vor mir und hatte eigentlich gedacht, ich wüsste wohin das Ganze führen wird. Pustekuchen - am Anfang mag einiges noch so gekommen sein, aber schon ab der Mitte wurde mir klar, dass es absolut nicht das wird, was ich hier erwartet habe. Und mein Gott, das war gut so. Wenn es so gewesen wäre, wie ich das gedacht hätte, würde ich aus der Geschichte nichts mitnehmen. So stehe ich immer noch da und das Buch geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Über viele Wendungen und Ereignisse denke ich immer noch nach.

Das Buch hat einige Wendungen, die man so von Anfang nicht erwarten konnte - und das meine ich jetzt nicht im Sinne von spannend, sondern schockierend. Vieles war einfach nur heftig und hat mich emotional mitgenommen. Aber auch wenn es heftig war und summasumarum vielleicht etwas viel auf einem Haufen wirkte, fand ich es dennoch sehr authentisch und realitätsnah. Das Buch zeigt auf eine beeindruckend schreckliche Weise, was mit Menschen passieren kann, wenn andere anfangen, die Gesellschaft perfekt machen zu wollen.

"Tiefe Traurigkeit erfüllte mich. Ich schämte mich. Sowohl für die Nachrichten im Fernsehen als auch für meine Eltern. Ich schämte mich für den Hass mancher Menschen auf alles, das anders war, und ich schämte mich für die Leute, die auf Hass mit Hass antworteten. Ich konnte und wollte nicht mehr sehen." (Gebrochene Flügel, S.78)

Das Buch hat viele schöne und treffende Zitate, die kann ich gar nicht alle aufzählen. Dieses hier finde ich aber auch ohne Zusammenhang wirklich gut, denn man kann es ohne Probleme auf viele Dinge beziehen. Und wenn ich ehrlich bin, dann finde irgendwie auch für die momentane Realität passend.

Das Ende des Buches hat nochmal richtig eingeschlagen - wenn ich ehrlich bin, dann war ich danach so geschockt, dass ich erstmal nicht mehr weiterlesen konnte. Es war heftig, aber wenn ich ehrlich bin, dann war es ein passendes Ende für die Geschichte und gab ihr einfach noch einen letzten Kick. Unter anderem auch deswegen ist mir das Buch so hängen geblieben und lässt mich auch nicht los. Der Epilog war dann nochmal ein runder Abschluss - irgendwie hätte ich gerne noch ein bisschen mehr gewusst, aber andererseits war es einfach genauso, wie es war, am perfektesten für die Geschichte. Und ja, auch der hat mich wieder in vielerlei Hinsicht zum nachdenken gebracht.

Was soll ich zum Buch noch sagen? es hat sich flüssig gelesen, ich bin relativ gut durch die Seiten gekommen. Die Handlung war fesselnd und wahnsinnig emotional. Vielleicht hätten die Kapitel ein bisschen länger sein können  ... aber wenn ich ehrlich bin, hat das für mich alles keine große Bedeutung, weil das Buch eine (oder eigentlich mehrere) Botschaften vermittelt, die einem lange nachhaltig im Gedächtnis bleiben.




Tja ... was soll ich nach all dem noch sagen? Ich würde das Buch jedem empfehlen! Auch wenn Gayromance vielleicht nicht euer bevorzugtes Genre ist - mir geht es um die Botschaften des Buches und die kann man auch unabhängig davon betrachten. Das Buch zeigt auf eine erschreckend realitätsnahe Weise, was passiert, wenn man den Menschen perfekt machen möchte.

Ein Tipp am Rande: Die Kapitelüberschriften geben schon einen relativ guten Einblick in die Geschichte. Deswegen würde ich euch empfehlen, die Überschriftenauflistung am Anfang zu überblättern, da sonst Spoilergefahr besteht.

Zum Abschluss noch ein Zitat, was ich ziemlich treffend finde und ein guter Abschluss ist:

"Ich verstehe diesen Perfektionismus-Wahn nicht, dem unsere Gesellschaft nachjagt. Der Mensch wird nie perfekt sein, dazu ist er nicht geschaffen. Wo soll das denn auch hinführen, wenn wir alle gleich sind? […] Als nächstes finden sie vermutlich auch eine Möglichkeit, die Hautfarbe ändern zu lassen. Der richtige Weg, wie man mit Homophobie und Rassismus umgehen soll, ist nicht dafür zu sorgen, dass es keine sichtbaren Unterschiede mehr gibt, viel wichtiger wäre, dass es einfach keinen Unterschied mehr macht. Wenn es niemanden mehr kümmern würde, gäbe es auch weniger Probleme deswegen." (Gebrochene Flügel, S. 193)

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