Samstag, 6. Juni 2020

[Prota-Talk] mit Abigail & Lucien aus "Im Schatten der Nacht"


Irgendwo in einem Dorf in Großbritannien, 17. Jahrhundert

Heute mache ich mal eine Zeitreise, um zu meinen Interviewpartnern zu kommen. Es ist schon meine zweite, aber damals bin ich nur ins 19. Jahrhundert gesprungen. Mal schauen, was mich hier, noch zwei Jahrhunderte früher, erwarten wird. Verabredet bin ich mit Abigail und Lucien, wobei ich keinen blassen Schimmer habe, was mich da heute erwarten wird. Soweit ich weiß, gibt es zu der Zeit Vampire, die nicht gerade für ihre Friedfertigkeit bekannt sind. Aber ich lasse mich mal überraschen.

© pixabay
Ich trete aus meinem Portal und schaue mich erstmal um. Na toll, nichts als Wald um mich herum und dunkel ist es auch noch. Halt nein, da hinten zwischen den Bäumen hindurch kann ich eine Hütte erkennen. Ich meine mich zu erinnern, dass Vanessa was von einer Hütte gesagt hat, also gehe ich mal drauf zu. Je näher ich komme, desto mehr kann ich erkennen: Es ist eine einfache, weißgetünchte Hütte (das ist der Begriff für diesen Kalkputz, wenn ich nicht ganz verkehrt bin) mit Reetdach und einem gepflegten Garten. Als ich näher komme, erkenne ich, dass die Pflanzen nicht in Beeten, sondern in verschlungenen Mustern angelegt sind, die mich an einen keltischen Knoten erinnern. In diesem Augenblick sehe ich einen Schemen am Fenster, der mich direkt anschaut. Kurz darauf öffnet sich die Tür und eine junge Frau schaut heraus. Lange rote Haare ringeln sich bis zu ihren Hüften und betonen ihre schlanke Figur. Ihr Gesicht ist schmal und ihre grünen Augen blicken mich freundlich und neugierig an.

Abigail: Willkommen! Bist du Andrea? Vanessa meinte, ich würde heute Besuch aus ihrer Zeit bekommen. Wachsam schaut sie sich um, bevor sie mich ins Haus winkt. Wir sollten besser hineingehen. Im Moment ist es nicht ratsam, nach Sonnenuntergang draußen zu sein. Man weiß nie, wer sich in den Schatten herumtreibt.

Schnell betrete ich die Hütte und bin überrascht, wie gemütlich es hier ist. Im Prinzip ist es ein großer Raum, der Küche, Schlafzimmer und Wohnbereich miteinander vereint, wobei ich im hinteren Teil der Hütte noch eine schmale Tür entdecken kann, die wohl in Abbies Arbeitsraum führt. Alles ist einfach gehalten und die Möbel sind alle aus Holz gefertigt. Bei meiner Musterung entdecke ich ein schmales Bett, eine gemauerte rußgefärbte Kochstelle, in der ein gemütliches Feuer lodert und einen Tisch mit vier Stühlen auf dem ein tönerner Krug und zwei Becher stehen. Eine gelbliche Kerze taucht den Raum in ein warmes Licht - zusammen mit dem Feuer - und verströmt einen angenehmen Duft nach Bienenwachs. Nun bemerke ich auch den Mann, das ist wohl Lucien, der noch immer neben dem Fenster steht. Durch seine schwarze Kleidung und der Position in den Schatten war er gut getarnt. Schulterlange rabenschwarze Haare werden durch ein Lederband zusammengehalten und betonen seine leicht kantigen, stolzen Züge. Seine blauen Augen mustern mich eindringlich und vielleicht ein bisschen zu hungrig für meinen Geschmack. Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken, denn ich weiß nicht, wie ich dieses Verhalten einordnen soll.

Lucien: Guten Abend Andrea. Die Frauen deiner Zeit haben eine gewöhnungsbedürftige Art, sich zu kleiden.
Abigail (stößt ihn leicht an): Sei nicht so unhöflich. Ich kann mir gut vorstellen, dass Hosen praktischer sind als lange Kleider. Nimm Platz, Andrea. Möchtest du etwas trinken? Apfelwein oder wäre dir ein Kräutersud lieber?
Ich: In meiner Welt ist das tatsächlich normal, dass auch Frauen Hosen tragen. Und ehrlich gesagt finde ich die immer noch bequemer als Kleider. Einen Apfelwein würde ich gerne nehmen, dankeschön!

Wir setzen uns an den Tisch, die beiden auf die eine und ich auf die andere Seite. Danach schauen sie mich erwartungsvoll an.

Ich: Vielen Dank, dass ich euch beide besuchen und interviewen darf. Ist ja doch eine ganz schöne Veränderung für mich, ich bin ja in meiner Zeit doch anderes gewöhnt. Wie verbringt ihr denn euren Tag und was macht ihr beruflich, wenn man das so nennen kann?

Abigail: Ich bin Heilerin und habe eigentlich immer gut zu tun. Wenn ich mich um keine Kranken kümmern muss, bereite ich Salben oder Tinkturen zu, sammle Kräuter oder kümmere mich um meinen Garten. Die alltäglichen Arbeiten im Haushalt kommen da natürlich noch dazu. Manchmal gehe ich auch ins Dorf, um Einkäufe zu erledigen, aber das lohnt sich nur am Markttag. Natürlich bin ich sonntags auch bei der Andacht von Pater Christoph in der kleinen Kapelle anwesend. Ich darf es mir auch nicht leisten, dort zu fehlen, weil sonst das Gerede, dass ich eine Hexe sei, noch lauter würde.
Lucien (schnaubt verächtlich): Diese Dorftrottel sind einfach blind. Aber immerhin ist der Pater ganz anständig, was man nur von wenigen Kirchenvätern behaupten kann. (neigt den Kopf und lächelt raubtierhaft) Ich schlafe tagsüber und gehe nächtens auf die Jagd nach unvorsichtigen Menschen.

Ich (schauert): Jagd nach unvorsichtigen Menschen? Gruselig. Ich hab ja ein bisschen was über eure Zeit gelesen und meistens liest man eher von einer finsteren Zeit, in der viele Schatten lauern. Abigail, du hast mir ja auch gesagt, dass ich vorsichtig sein soll, wenn ich ankomme. Warum? Was lauert denn im Schatten?
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Abigail (schüttelt sich leicht): Unheimliche Kreaturen der Nacht und Rüpel, die einsamen Frauen auflauern. Eine Begegnung mit ihnen wäre eine Gefahr für Leib und Leben. In meiner Zeit ist es nicht ratsam als Frau allein unterwegs zu sein, vor allem in der Nacht. Wobei die blutrünstigen Monster auch über die üblen Kerle herfallen, wenn man Glück hat.
Lucien: Wenn man viel Glück hat. In der Regel ist uns egal, wen wir vor uns haben. Hauptsache wir können unseren Blutdurst stillen. Wobei wir uns besondere Leckerbissen nur ungern entgehen lassen.

Ich: Da würde ich wahrscheinlich freiwillig zu Hause bleiben. Du bist ein Wesen der Nacht, Lucien? Ich muss gestehen, dass ich in meinen bisherigen Interviews noch keinen Vampir getroffen habe, nur ein Werwolf-Pärchen. Welche Fähigkeiten hast du denn? Und sollte ich mich vor dir in Acht nehmen?
Lucien: Was denkst du?
Er grinst mich an und in diesem Moment kann ich seine Fänge deutlich sehen. Seine vorher blauen Augen leuchten nun rot und zeigen sehr deutlich, was in ihm steckt. Ich räuspere mich und versuche mich auf meine Fragen zu konzentrieren.
Ich: Okay, gefährlich können wir abhaken. Wie sieht es mit deinen Fähigkeiten aus?
Lucien: Ich bin schneller und stärker als jeder Mensch und kann die Gedanken und Gefühle meiner Opfer kontrollieren und auch manipulieren. Nur wenige Leute können der Anziehungskraft eines Vampirs widerstehen und Flucht ist zwecklos. Wobei ich eine gute Jagd wirklich zu schätzen weiß. Das Aroma ist sehr vollmundig.

Ich: Ähm … okay??!! Das ist gleichermaßen beeindruckend und gruselig. Fürs Protokoll, ich schmecke fürchterlich. Kommen wir mal ans Eingemachte. Wie sieht‘s denn eigentlich in eurem Liebesleben aus?
Abigail (errötet): Ähm, na ja…
Lucien (grinst): In mancher Hinsicht ist sie noch immer eine schüchterne Jungfrau, obwohl sie im Bett… Schnell hält Abigail ihm den Mund zu.
Abigail: Lucien! So wie du es sagst, klingt es, als wäre ich eine wollüstige Hafendirne! Dabei habe ich meine Jungfräulichkeit viele Jahre gehütet und sogar bis aufs Blut verteidigt.“
Lucien zupft ihre Hand von seinem Mund und küsst ihre Finger. In welcher Beziehung die beiden zueinanderstehen, wird in diesem Moment sehr deutlich.
Lucien: Verzeih. So war das nicht gemeint. Ich bin sehr froh, dass du so ein braves Mädchen warst - bis du mir begegnet bist.
Abigail (entzieht ihm empört ihre Hand): Du bist unmöglich!
Lucien (grinst): Ich bin ein Vampir und ein Mann, der eine Frau begehrt. Was erwartest du von mir?

Ich (kann mir ein Kichern nicht verkneifen): Ihr beiden seid echt süß zusammen. Zeit für eine kleine Schnellfragerunde. Süß oder sauer?
Abigail: süß
Lucien (schaut zu Abbie): Eindeutig süß

Ich: Ähm ja, weiter im Text. Was ist euer Lieblingstier?
Abigail: Ich mag die Nachtigall und ihren Gesang sehr.
Lucien: Wölfe sind ganz praktisch, wenn man seine Spuren verwischen will…

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Ich: Das nenne ich mal eine Begründung. Aber Wölfe sind wirklich schöne Tiere. Euer Lieblingsessen?
Abigail: Ich liebe frischgebackenes Brot und freue mich immer, wenn ich ein Stück Fleisch auf dem Teller habe. Ab und an bekomme ich ein Stück Hase von einer Freundin.
Lucien: Menschenblut, frisch gezapft natürlich…


Ich: Okay, ja, eine andere Antwort wäre auch nicht passend. Aber ich stimme Abbie zu, frischgebackenes Brot ist einfach lecker. So, wir sind fast am Ende, eine letzte Frage habe ich noch für euch. Wenn ihr die Chance hättet, die Autorin eures Buches zu treffen, was würdet ihr ihr sagen wollen?
Abigail: Ich würde Vanessa gern fragen, warum sie mich so leiden lässt. Ein paar der üblen Kerle hätte sie wirklich streichen können. Wobei ich mit dem Ende meiner Geschichte durchaus zufrieden bin.
Lucien: Wenn sie Abbie noch einmal in Gefahr bringt, dann sollte sie nachts ihre Tür gut verschließen. Und diese kryptischen Hinweise waren teils wirklich nervig, aber das kann auch an den Hütern liegen.

Ich: Okay, das werde ich ihr mal ausrichten. Vor allem, dass sie ihre Tür verschließen sollte. Wobei ich aber nicht glaube, dass sie Abbie nochmal in Gefahr bringen wird. Vielen lieben Dank ihr beiden, dass ihr euch die Zeit für ein Interview genommen habt. Ich muss dann leider schon wieder los, auch wenn ich gerne noch mehr über euch und eure Welt erfahren würde. Vielleicht komme ich euch ja einfach nochmal besuchen.

Abigail: Vielen Dank für das interessante Gespräch.
Lucien: Komm heil nach Hause!

Ich trete wieder aus der Hütte raus und bin froh, dass ich mein Portal von hier aus schon sehen kann. Abigail und Lucien stehen noch am Fenster, ist ihnen wahrscheinlich auch nicht ganz geheuer, dass ich hier alleine rumlaufe. Ist doch ein wenig gruslig, was mir die beiden so erzählt haben. Ich winke ihnen nochmal zum Abschied und sprinte dann los, hüpfe in mein Portal und bin wieder sicher zu Hause.

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Abigail und Lucien haben mir in dem Interview einen kleinen Einblick in ihre Geschichte gegeben. Möchtet ihr mehr über ihre Geschichte erfahren?
Seit Anfang des Monats gibts die Geschichte übrigens auch als Hörbuch!

Dann solltet ihr euch das Buch „Im Schatten der Nacht“ von Vanessa Carduie mal genauer anschauen. Mehr Informationen findet ihr auch bei der Autorin (👉hier)


Klappentext: In einem abgeschiedenen Dorf im Großbritannien des 17. Jahrhunderts:
Es ist eine finstere Zeit und im Schatten der Nacht lauern viele Gefahren…
Die junge Heilerin Abigail führt ein einsames und beschwerliches Leben. Die meisten Dorfbewohner misstrauen ihr, trotz ihrer Hilfsbereitschaft und ihrer liebenswerten Art. Als ihr eines Nachts drei Männer auflauern und sich an ihr vergehen wollen, scheint ihre Situation aussichtslos.
Überraschende Hilfe erscheint in Gestalt des Vampirs Lucien, der ganz eigene Pläne mit der hübschen Abigail verfolgt. Befreit von der ersten Gefahr stolpert Abbie in die nächste. Verängstigt und fasziniert zugleich schafft sie es nicht, der Verführung des Vampirs zu widerstehen.
Schnell wird ihr bewusst, dass sie nicht nur um ihr Leben fürchten muss, sondern auch um ihr Herz. [Cover-/Textquelle: Vanessa Carduie]

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